DIE BÜCHER

Ganz kurz nur Band 2

Ganz kurz nur Band 1

Meet Little sixteen

 

RSS-Feed

In eigener Sache

Ich habe ein Buch geschrieben. Für diejenigen unter Euch, die das nicht mehr kennen: Bücher galten früher als Bildungs- und Kulturbeweis, sowohl für den Schreibenden als auch für den Lesenden. Buchfetischisten schwärmen von der Haptik und dem unnachahmlichen Leseerlebnis des gedruckten Werks. Es geht die Mär von ganzen Regalwänden in den Salons und Lesezimmern (!) des Bildungsbürgertums. Wie auch immer, ich habe eins geschrieben und man kann es kaufen. Ich habe einige der Texte noch mal überarbeitet, es auf 96 Seiten gebracht und mich für eine hochwertige Ausstattung (Hardcover, 170g-Papier) und gegen eine Veröffentlichung als e-book entschieden (dafür gibt es ja meinen Blog). Ausserdem war mein Anspruch, dass mein Werk sowohl im Bett als auch vor dem Kamin, Outdoor und sogar auf dem Sofa, auch zu zweit, gelesen oder vorgelesen werden kann. Wer es selbst nicht lesen, aber einfach mal anfassen will, dem empfehle ich es trotzdem zu kaufen und dann zu verschenken. Es kostet 17,90 Euro. Davon finanziere ich meinen Viertwagen und den Rest lege ich in Immobilien an, für eventuell noch auf mich zukommende Unterhaltsforderungen. Wer Lust auf eine Lesung mit mir oder einen interessanten Rahmen für eine solche zu bieten hat, kann mich gerne kontaktieren. Erschienen ist „Ganz kurz nur“ bei epubli.de und hier ist der Link zum Leseglück. (04.09.2011)

 

"Gefällt mir" nicht

Ich wurde gefragt, ob ich es nicht bedenklich finde in meiner Fotoserie „Streetgang“ Kinder mit Spielzeugwaffen abzubilden und ob das nicht ein Beitrag zur Gewaltverherrlichung ist. Darüber habe ich nachgedacht und ... ich finde es nicht bedenklich. Wenn ich mir die Bilder anschaue, sehe ich vor allem den Habitus, die teils unsichere Geste und den spielerischen Versuch, stark oder cool zu sein. Kinder dürfen und sollen das ausprobieren. Ob aus Kinderspielen Ernst wird und man den Weg eines guten Schülers oder Amokläufers oder beides einschlägt, können wir nicht kontrollieren. Aber wir können unsere Kinder im Auge behalten und wach sein für Signale. Ich glaube manchmal, dass unsere Haustiere sich sicherer und mehr zu Hause fühlen als wir es tun oder unsere Kinder. Sicher, mein Hund hat ja auch keinen Stress damit Kindheit, Ausbildung, die eigenen Eltern und die erste Liebe zu überstehen. Aber vielleicht sollten wir uns Menschen mal wieder ein wenig domestizieren. Es gibt zur Zeit einen Trend der sich „Homing“ nennt, was nichts anderes heisst, als es sich zu Hause gemütlich zu machen. Dass pfiffige Marketingleute die dazu passenden Einrichtungstipps, Schlappen und Hausanzüge verkaufen wollen sind halt die üblichen Begleiterscheinungen. Mir ist es auch egal, ob das jetzt "hip" ist und ob ich anderen damit gefalle. Mir ist fast jedes Mittel recht (sogar Trends!), um mich weiterzuentwickeln, solange ich anderen damit nicht schade und auch selbst nicht zu sehr darunter leide, denn streckenweise ist es natürlich unbequem sich zu verändern. Dass ich dabei die ein oder andere „Spielzeugpistole“ brauche, um meinen Weg zu gehen, finde ich okay. (30.08.2011)

 

Zur Fotserie www.holgersfotos.jimdo.com/unterwegs

 

 

Ich meine also bin ich

Seit einigen Wochen habe ich einen Zweitwohnsitz im Internet. Man trifft mich jetzt nicht nur bei Facebook und Twitter, sondern auch in den Kreisen von Google +. Was man da so macht? Meinung! Für die eigene Sache oder die, für die man bezahlt wird. Nun bin ich mit meinen 36 Kreisen alles andere als repräsentativ für diese Plattform, aber auch Minderheiten bilden Meinungen. Die Kreise deren Diskussionen ich momentan so verfolge sind in fester Hand der SM-Szene (nicht Sado Maso, sondern Social Media). Der immer höher werdende Grad von Spezialisierung zeigt sich auch in deren Postings, denn vieles davon verstehe ich nicht weil es einfach ausserhalb oder am Rande meines eigenen Arbeitsfelds ist. Trotz eines hoch- und feingeistigen Anspruchs pflegt man aber auch gerne mal die grobe Kunst des Holzschnitts. Jetzt wollte ich als Beleg einen Reigen von zynischen Kommentaren bringen, die gestern zum Gesundheitszustand von Steve Jobs gemacht wurden, und nun sind diese Einträge verschwunden, gelöscht, nicht mehr auffindbar. Entweder hat Google (oder gar Apple?) ein eigenes Hygienetool, was mehr als erschreckend wäre, oder bei dem einen oder anderen kamen über Nacht doch noch Schamgefühle ob der eigenen Meinungsäusserung, was erfreulich, aber bei 30 Leuten gleichzeitig doch eher unwahrscheinlich wäre. Die gestrige Diskussion über den Nutzen und Unsinn der Homöopathie hätte ich zwar auch für den „Goldenen Holzschnitt“ nominiert, aber letztlich ist das auch nicht so wichtig, denn ich mache hier ja nur ein wenig Meinung und die ist morgen schon wieder vergessen. Das Internet macht in rasender Geschwindigkeit Mäuse zu Ratten und Elefanten zu Mücken und nicht jeder Rattenfänger oder Dompteur ist diesem Tempo gewachsen. Böse Welt? Manchmal. Ich würde allerdings auch nicht mehr in einem „Dorf“ leben wollen, wo das aufregendste Thema die nicht gekehrte Strasse des Nachbarn ist. Dann gehe ich doch lieber in den Swinger-Club des 21. Jahrhunderts: Das WWW. (28.08.2011)

 

Aufgeregt

„Das Internet steuert gerade auf die grösste Krise seiner Geschichte zu.“ behaupten die Autoren des Buches „Zeitbombe Internet“, die Politik denkt über Verbote von Facebook-Partys nach, Mercedes-Benz fährt mit einem neuen Comand-System vor, und 1&1 bietet einen Homeserver mit Mehrantennentechnik an, damit man auch in seiner Kellersauna oder beim Abernten seiner Kartoffelfelder (Lacht nicht! Das wird spätestens 2013 der Megatrend in den Großstadtgärten der Upper Class) online sein kann. So gesehen ist alles in Ordnung, denn wir verhalten uns wie immer: Laut, aufgeregt, polarisierend und etwas exzentrisch. Meine ganz persönlichen Bedenken, was das Internet betrifft, sind eher „kleiner“ Natur und orientieren sich an der Beobachtung meines eigenen Verhaltens. Das Internet ist eine wunderbare Erfindung und bietet unglaubliche Möglichkeiten zu arbeiten und zu kommunizieren. Gleichzeitig muss ich sagen, dass ich jede Menge Zeit vor dem Rechner verbringe und dass das Suchtpotential nicht zu verleugnen ist. Und ich glaube, dass die permanente Strahlung von Mobilfunk, WLAN und ständig neu dazukommenden drahtlosen Helfern (warte gespannt auf die erste digitale Unterwäschekollektion von Calvin Klein mit eingebauten Sensoren zur Bestimmung von Entzündungswerten, Keimstatus und okkultem Blut) ab einer gewissen Menge einfach nicht gut sein kann. Da interessieren mich auch keine anderslautenden Forschungsergebnisse oder noch abzuwartende Langzeituntersuchungen. Ich benutze auch keine Mikrowelle, weil mir ein warmes Essen in Sekundenschnelle nicht geheuer ist, und weil das meine ganz persönliche Schwelle ist, an der Kulturlosigkeit beginnt. Richtig aufregend fände ich es, mal für eine ganze Weile meinen Schreibtisch zu verlassen, rauszugehen in die Welt, mit offenen Augen und Ohren und einem heiteren Geist, andere Kulturen kennenzulernen, neue Eindrücke und Ansichten zu gewinnen. Das kann ich ja dann ins Internet stellen, selbst erlebt und aus erster Hand. Ein schöner drahtloser Gedanke, oder? (23.08.2011)

 

Long live Rock'n Roll

Wie aufmerksame Leser dieses Blogs wissen, lebe ich in Bad Nauheim - the European Home of Elvis. Mir war der Kult um den King immer etwas suspekt, und ich kann nicht verstehen warum sich ausgerechnet dieser scheussliche weisse Pailettenanzug als Königin der Elviskostümierungen durchgesetzt hat. Ich mag seine Musik, nicht das Las Vegas Zeugs sondern die alten Sachen wie „Blue Suede Shoes“ oder „Jailhouse Rock“. Hier bei uns gibt es eine Elvis-Stele, einen Elvis-Verein und ich glaube, die Confisserie am Park macht nicht nur Motivtorten mit essbaren Bildern von den Jubilaren, sondern auch Elvis-Kugeln. Das letzte Wochenende stand nun ganz im Zeichen des Herrn, nicht Jesus, sondern Presley. Dass einer der auftretenden Elvisimitatoren den Kampfnamen „Sven Franz von Bülow, der blonde Elvis“ trägt, hat mich in meiner kritischen Distanz eher bestärkt. Der Sympathikus ist ein Teil unseres vegetativen Nervensystems und entscheidet in brenzligen Situationen über Angriff oder Flucht. Ich entschied mich für den Besuch des Elvis-Festivals, nicht ohne meine Kamera, und ich erwartete eine skurrile Veranstaltung der ewig gestrigen Elvisjünger. Ich muss sagen, es war wirklich anders. Hier kamen mindestens fünf Fan-Generationen im Alter von 8 bis 80 Jahren zusammen und es war ein netter Nachmittag an der Konzertmuschel der Bad Nauheimer Trinkkuranlage. Der Name des Veranstaltungsorts klingt ziemlich salzarm, aber die Besucher hatten eindeutig Pfeffer im Hintern. und mir hat es wirklich Spass gemacht. Was lernen wir daraus? Nichts, höchstens dass Rock‘n Roll vielleicht doch ewig lebt. (16.08.2011)

 

Die Bilder des Nachmittags unter www.holgersfotos.jimdo.com/unterwegs

 

Konni Fuzius spricht

"Die Welt ist auch nicht

viel anders als Dein Dorf.

Überall wohnen Menschen."

 

Menschlich

In Berlin gibt es einen Laden, der für zahlungskräftige und statusbewusste Kunden Fahrradrahmen mit Mantarochenleder überzieht. Irgendwann gibt es sicher auch noch den dazu passenden Fahrradsattel mit Eichhörnchenwadenleder kaschiert. Eine streng limitierte Auflage von 555 Stück sollte die gewünschte Begehrlichkeit schaffen. Täglich lassen Tiere Ihr Leben für unsere Kleidung, unser Essen oder unsere Medikamente, in unglaublichen Mengen und nicht selten unnötig. Für „Luxus“ zahlen wir gerne einen noch höheren Preis: Der Mantarochen steht auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Das schafft eine gewisse Exklusivität. Ich stelle mir gerade vor, wie es wohl wäre, wenn eine uns überlegene Rasse, nennen wir sie mal Xrtonpatykladorazynditen oder kurz Xrtontys, auf unserem Planeten die Rohstoffe für ihren intergalaktischen Koks ernten würde. Besonders begehrt ist die Mischung aus zehn deutschen Steuerfahndern (zertifiziert nach GALAKTO 14 A III), 25 argentinischen Bandoneonspielern (die quietschen so schön, wenn man sie jagt), fünfzehn chinesischen Maurern und einer ukrainischen Jungfrau. Wahre Kenner geben noch 25 Original Berliner Edelradfahrer dazu, legen das Ganze zunächst zehn Tage ein und verfüttern dann die Jungfrau an die Steuerfahnder und diese dann an die Chinesen. Die Berliner Radfahrer schauen einfach nur zu. Ihre Adrenalin- und Dopaminausschüttungen geben dem Endprodukt ein spezielles Aroma. Dann wird die Mischung getrocknet und anschliessend pulverisiert. Die Xrtontys lieben es, denn dieser Stoff ist echt menschlich gut. Klingt das abstrus und barbarisch? So war‘s auch gedacht! (08.08.2011)

 

Man spricht Deutsch

Dann wollen wir die Ausbeute der nachmittäglichen Zeitungslektüre mal nach Blogtauglichkeit durchsehen: Die Staatspleite der USA wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Ich kann warten. Ute Lemper wird zum fünften Mal Mutter und meint, dass ältere Frauen die besseren Mütter sind. Was denkt sich wohl ihr Erstgeborener, wenn er das hört? Der Benno Ohnesorg Mörder war möglicherweise ein Auftragskiller der Stasi und Karl Lagerfeld wurde ohne Sonnenbrille gesehen. Hat der Mann tatsächlich Augen im Kopf? Heiner Geißler wird ausgiebig wegen seines Goebbels-Zitats „Wollt Ihr den totalen Krieg?“ gegeisselt. Wir und der Nazismus - ein heikles Thema. Es gibt eine angemessene Reaktion auf diesen Fauxpas und die lautet: Deutliche Kritik. Punkt. Aber, was sich da zwischen den Zeilen so abspielt lässt mich stutzen. Ich habe das Interview, dass Geißler dem Deutschlandfunk gab nur in der Frankfurter Rundschau gelesen und er machte auch auf mich den Eindruck eines sturen alten Mannes. Aber ... der Interviewer hat eine genüssliche Art des Sezierens an den Tag gelegt, die ich widerlich fand. Dass es in Sachen Nazismus keine Zwischentöne geben darf, sind wir der Geschichte schuldig, aber die Überheblichkeit mit der hier zum Teil abgewatscht wird, sollten wir vielleicht mal überprüfen. Für mich sieht das nach einer subtilen Variante aus, gehorsam deutsch zu sein: Ich bin dafür! Ich bin dagegen! Jawoll! Wir sollten uns mal Gedanken machen, was wir unserem Enkel antworten, der uns vielleicht im Jahre 2040 fragen wird: „Opa, wie konntet Ihr es nur zulassen, dass die Schere zwischen Arm und Reich so extrem auseinanderging, dass es zu diesen Unruhen und anschliessend zum Krieg kam? Das hätte man doch sehen können! Was habt Ihr Euch nur dabei gedacht?“ „Nun“ würden wir vielleicht beschämt antworten, „Wir wollten reich und erfolgreich sein. Alle wollten das damals!“ „Wie dumm!“ ist dann möglicherweise die Antwort unseres kleinen Besserwissers. (04.08.2011)

 

Über Wirksamkeit und Machbarkeit

Wir müssen immer was „tun“, um etwas zu verändern, manchmal auch damit alles beim Alten bleibt oder weil wir gehört haben, dass wir uns bewegen müssen. Schliesslich will man nicht untergehen, bei den 6.927.328.539 Mitbewerbern (Stand: 29.7.2011, 9.58 Uhr) um einen guten Platz auf diesem Planeten. Allerdings sind nur ca. 100.000 Menschen auf den nahenden Klimawandel vorbereitet, nämlich die Eskimos, und nur sechs Menschen fahren ein brauchbares Auto, einen Cizeta Moroder V16T. Wir definieren uns über (Hyper)Aktivität, denn Handlung macht uns lebendig, doch erst die eigene Haltung macht einen stringent wirksam und diese zu entwickeln braucht Zeit und Phasen des „Stillstands“. Ich habe z. B. vor drei Monaten entschieden, nur noch Biofleisch zu essen. Dass Massentierhaltung für Mensch und Tier ungesund und einer zivilisierten Gesellschaft unwürdig ist, weiss ich seit Jahrzehnten. Doch zu mehr als einem „Du solltest kein Fleisch essen.“ reichte es bis dato nicht. Nun gab es den Entschluss und anschliessend die Erkenntnis, dass mir nichts fehlt. Meine Lebenshaltungskosten sind auch nicht gestiegen, weil ich einfach seltener Fleisch esse. Unsere Kultur ist sehr geprägt davon, dass wir Lösungen einkaufen oder schlucken können. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Wir sind es gewohnt, dass wir in punkto Wirksamkeit oder Auswirkung meist andere befragen oder, wenn es schief geht, verantwortlich machen können. Der Einzelne als kreativer und verantwortlicher Gestalter von Leben hat weitgehend dem Konsumenten Platz gemacht. Das närrische Dreigestirn aus Produktion, Werbung und Abfallverdrängung regiert nicht nur in der fünften Jahreszeit. Wir arbeiten mehr, um dann in unserer Freizeit was zu tun? Shoppen! Damit machen wir heute den Produkten von morgen Platz in den Regalen der Einkaufsparadiese. 

 

Ich glaube, wir fühlen uns manchmal einfach etwas verloren in unseren Komplexitäten und schätzen kleine Schritte blöderweise als zu gering ein. Großartigkeit ist jedoch wertlos, wenn sie nicht machbar ist. Im Kreuzworträtsel der heutigen Tageszeitung war ein Synonym für „erleuchtet“ gefragt und ich suchte nach Begriffen wie „verwirklicht“ oder „vollendet“, doch die Lösung war einfach nur ... „hell“. Mein nächstes kleines Projekt wird übrigens sein, keine Billigkugelschreiber mehr zu kaufen. Lachen Sie nicht! Für jemanden wie mich, der dauernd welche kauft aber trotzdem nie einen hat, wenn er was schreiben will, ist das durchaus eine Herausforderung. (29.07.2011)

 

Wir können auch anders

Tod, Verderben, Untergang,

Selbstmord, Schmerz und ganz viel Zwang.

Hungersnöte, Futterneid

und dann noch dieser Mahnbescheid.

Das war so nicht ausgemacht.

Wenn das so bleibt, dann „Gute Nacht!“

 

Jugendwahn und Grauer Star

Das ging doch früher auch in bar!

Wo kommen diese Pickel her?

Was heisst das, Du brauchst noch viel mehr?

Ferrero hat uns angelogen.

Milchschnitte mit viel Fett durchzogen.

 

Wie kommt es, dass Du drüber lachst?

Echt mutig, dass Du weitermachst. 

Die Geste eben, galt die mir?

Entschuldige, war gerad‘ nicht hier.

Jetzt schmeck ich auch den Ingwer raus.

Ein Hauch nur ... ja das macht es aus.

 

Das Grobe liebt es zu regieren, 

Dir seine „Wahrheit“ zu soufflieren

Da wir werden was wir denken,

können wir auch gegenlenken.

Entschärfen wir das große Leid,

mit Hilfe wacher Heiterkeit. (25.07.2011)

 

 

Angemessen

Über 90 Menschen wurden gestern in Oslo ermordet und Amy Winehouse wurde tot in ihrer Londoner Wohnung aufgefunden. Heute abend werden trotzdem Comedysendungen laufen und die Kneipen werden genauso voll sein wie sonst auch. Vergänglichkeit und Tod sind alltäglich und allgegenwärtig, nur nicht in unserem Denken. Es ist Teil unserer Biologie, dass wir Unangenehmes verdrängen. Keine Frau würde wahrscheinlich ein zweites Kind zur Welt bringen, wenn sie sich der Schmerzen der ersten Geburt ständig gewahr wäre. Oder würde noch jemand Auto fahren, wenn man die Verkehrstotenstatistik parat hätte? Wenn wir aber ständig in Angst vor Schmerz und Verlust agieren würden, gäbe es keine Entwicklung. Ein weiterer Teil unserer Biologie ist glücklicherweise die Fähigkeit zur Empathie, die uns vor Gleichgültigkeit und Zynismus gegenüber dem Leid anderer bewahren kann. Wie man sich angemessen verhält, muss jeder für sich selbst entwickeln und nicht immer stösst Empathie auf Gegenliebe. Als berühmtes Beispiel fällt mir Friedrich Nietzsche ein. Er beobachtete beim Gang durch die Turiner Straßen einen Kutscher, der mit der Peitsche auf sein Pferd einschlug. Daraufhin eilte Nietzsche unter lautem Wehklagen auf das Pferd zu, um es auf offener Straße zu umarmen. Das war der Auslöser für seine Einweisung in die Psychiatrie. Die Welt ist nicht immer nett zu ihren „ungezogenen“ Kindern. Amy Whinehouse galt als „weltweit beste Soulsängerin“, deren rotzige Gesten gegen die glatte Popbranche der Nährboden für ihren Erfolg aber auch für Ihre Selbstzerstörung war. Der Osloer Attentäter wollte die Welt vor Marxismus und Islamisierung „retten“. Zwei unterschiedliche Geschichten, zwei einsame Menschen, auf tragische Weise gefangen in ihren Systemen. Meine Tochter Sophie ist zur Zeit auch in einem Ferienlager. Würde sie das Opfer einer solchen Gewalttat, wäre ich nicht in der Lage auf diese Weise auf den Mörder zu schauen, das gebe ich zu, aber jedes Drama hat mehrere Facetten. Mein Vorrat an Empathie ist zu klein für alles Leid der Welt. Ich werde trotzdem weiterüben, mit dem was mir begegnet: Mein Mitgefühl gilt den Opfern dieses furchtbaren Massakers und besonders den Eltern der Jugendlichen. Amy, I will miss you. Und für Susa: Ich freue mich trotzdem auf die nächste Erdbeerernte. (24.07.2011)

 

Eine Frage der Sicht

„Naaa, gut erholt?“ schmettert mir mein Nachbar nach der Urlaubsrückkehr entgegen. „Nö!“ höre ich mich sagen. Es war gar nicht meine Absicht ihn mit dieser Antwort zu provozieren, ich mag meinen Nachbarn, aber so schnell sind Gespräche manchmal beendet. Mit dem Urlaub verhält es sich ähnlich wie mit Weihnachten: Es soll alles gaaanz toll werden. Ich hatte tatsächlich 6 Tage eine Grippe, was nicht schön aber auch nicht wirklich schlimm war. Da ich nicht im Bergwerk schufte, bin ich auch nicht so abhängig von körperlicher Erholung wie der Rest der arbeitenden Bevölkerung. Der Orts- und Klimawechsel tat gut und der Kopf ist um einiges freier nach 10 Tagen in den französischen Sevennen. Und ich habe wieder was gelernt, z. B. dass es bei uns Männern tatsächlich eine direkte Verbindung vom Samenleiter zum Einspritzer in unserem PKW gibt. Ich war vier Tage auf der Autobahn und war vielfach Zeuge und Opfer dieses Phänomens. Das hat aber vielleicht auch an dem 20 Jahre alten Opel Vectra (die Karosserie in Goldmetallic) gelegen, mit dem wir unterwegs waren und möglicherweise auch an dem Cordhut, den Elli hinten auf die Ablage gelegt hat, um das Spießer-Klischee komplett zu machen. Das war schon lustig. Es hat sich ja einiges getan, während meiner Abwesenheit und ohne mein aktives Zutun: Die Japaner sind Fussball-Weltmeisterin, der deutsche Herbst wurde um zwei Monate vorverlegt und der letzte serbische Kriegverbrecher Goran Hadzil wurde gefasst. Eberhard Ginger wird 60 und kann auch heute noch den nach ihm benannten Salto, und beim Tag der offenen Tür im Krematorium Friedberg herrschte „Hochbetrieb“, was auch immer man darunter zu verstehen hat. Besonders gefreut hat mich, dass Hannah Ihre Zulassungsprüfung zum Sportstudium bestanden hat, mein Hund und meine Jüngste zehn Tage ohne mich überlebt haben und zwei neue Jobs reingekommen sind. Geweint habe ich beim Lesen des Berichts über den Dichter Liao Yiwu, dessen Buch über seine grausame Zeit im chinesischen Gefängnis gerade erschienen ist. Ob mich das deprimiert? Ja, aber nicht rund um die Uhr. Kann man was dagegen tun? Sicher, aber manchmal muss man es vielleicht auch mal aushalten, dass das Leben kein Ferienhotel ist und „All inclusive“ ein Ausnahmezustand. (21.07.2011)

 

Salinenblues

Ich lebe in einer Kurstadt und da wird einem klar wie vergänglich die Dinge sind, denn mit jedem Rollator im Stadtbild verblasst meine Siegerurkunde von den Bundesjugendspielen ein wenig mehr. Das ist eigentlich gut, denn das ist ja die Realität, nicht nur in dieser Stadt. Das wollen wir aber nicht sehen, jedenfalls nicht dauernd. Wenn wir uns der eigenen Sterblichkeit ständig bewusst wären, würden wir jeden Morgen dankbar singend begrüßen und es gäbe wahrscheinlich keine Raucher, denn man könnte unmöglich verdrängen, dass die Uhr tickt und Rauchen krank macht. Das steht auf jeder Schachtel und Plakatfläche, aber wir glauben lieber an die Bilder von Abenteuer, Dauererrektion und ewig jungem Rebellentum auf der 2/3 Fläche oben drüber. Ich will damit nicht sagen, dass das Leben in Bad Nauheim zwingend tödlich ist, also im Sinne eines tödlichen Verlaufs wie bei einer Krankheit, Kurstadtaufenthalt mit Todesfolge sozusagen. Es ist halt manchmal ein wenig schnarchig hier. Meine Wahrnehmung der Dinge ist aber auch tagesformabhängig. Der Mann, der vor mir an der Kasse im Tegut centweise sein Geld auf das Laufband puzzelt, kann heute der nette Opa sein, dem ich aufmunternd zulächle und morgen schon der Anführer einer Seniorenguerilla, die mich mit solchen Aktionen gezielt in den Wahnsinn treiben will. Mein morgendlicher Milchkaffee im Städtchen kann ein sehr entspanntes Erlebnis oder aber der „Angriff der Killerkaffeetanten“ sein. Zu dick, zu dünn, zu kurz, zu alt, unreif, blöd, überheblich, uninteressant -  irgendwas hängt immer quer, wenn ich das so sehen will. Statistisch gesehen machen die negativen Gedanken ziemlich oft das Rennen. Wenn ich mal die Nachrichtensender durchzappe ist das wohl nicht nur bei mir so. Genau genommen gehören wir ja alle zum gleichen Club und die anderen sind lediglich eine Variante der eigenen Klaviatur. Man spielt was man kann. Aber macht Euch keine Sorgen um mich, denn ich habe ein Auto und kann ab und zu rausfahren. Das mache ich auch, z. B. nach Hamburg, und wenn ich dann zurückkomme ist es wieder ganz schön, hier in der Provinz. Also, Stützstrümpfe sind gut und irgendwann werde ich vielleicht auch noch den wohltuenden Segen von Rheumadecken zu schätzen wissen, aber in so einen Kaffeefahrtbus werde ich NIEMALS einsteigen! (30.06.2011)

 

Vaterschaftsklage

Es war ein Nachmittagskaffee und meine Schwester hatte eine niedliche Milka-Kuhfleckentorte mitgebracht. Die war dann auch das Süßeste an der Begegnung, denn Papa war eher nach einem deftigen Pfannengericht als nach Schokoladenkuchen zumute. In die Pfanne gehauen wurden dann die üblichen Verdächtigen: Der korrupte Kapitalismus, die verlogene Kirche, die arroganten Ärzte, alle anderen Ignoranten und die verkommene Welt ganz allgemein. Widerstand ist zwecklos, denn das Spiel ist bekannt und die Positionen sind fix. Ich habe gestern den Text für die nächste IHK-Kolumne geschrieben zum Titelthema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit häuslicher Pflege“ und werde möglicherweise schon bald selbst in diese Situation kommen. Da stehen sie plötzlich nebeneinander: Meine wohlwollenden Worte zum Miteinander der Generationen und mein unverbesserlicher sturer alter Herr, der mich immer wieder wütend, traurig und manchmal auch hilflos macht. Darf ich mich vorstellen: Sohn, Vaters Sohn, lebenslänglich. Ich kenne seine Geschichte, kann verstehen warum er so ist wie er ist, und manchmal wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ihn in mir. Ich bin selbst schon in einem Alter, wo meine Töchter mich sonderbar finden, zumindest partiell. Da sollten wir uns als Väter doch vielleicht verbünden. Können wir aber nicht und wollen wir auch nicht. Es bleibt eine Distanz und die Liebe haben wir irgendwo zwischengelagert, und wir wissen nicht so genau wo. Nun, es gibt immer Hoffnung, aber nicht unbegrenzt Zeit. Ich hoffe, wir nutzen sie. (24.06.2011)

Heimzahlen

Die Griechen sind in der Krise und ich muss gestehen, dass ich die Vorgänge, ihre Hintergründe und Folgen nicht wirklich verstehe. Die Experten sind erklärungswillig, aber ich möglicherweise zu erkenntnisschwach. In der Frankfurter Rundschau war heute zu lesen: „Die Haushalte erzielen permanent Primärüberschüsse; sie sparen mehr als ihre Zinserträge. Da die Summe aller Primärbilanzen null beträgt, kann der Staat nur dann einen Primärüberschuss erzielen, wenn der vierte Sektor, das Ausland, hohe Primärdefizite hält. Dies ist der deutschen Wirtschaft gelungen, die Leistungsbilanzüberschüsse übersteigen die Netto-Zinserträge aus dem Ausland. Damit wird das Problem nur auf die Defizitländer verschoben....“ Aha! Was ich da rauslese ist, dass es erstens erklärbare Ursachen gibt und zweitens kurzsichtig denkende Verursacher. Das Eis auf dem wir stehen ist ohnhin dünn, nicht nur für die Griechen, denn unser Wirtschafts- und Bankensystem ist derart komplex und störanfällig, dass der Glaube an grenzenloses Wachstum doch eher irreal erscheint. Sympathisch finde ich den Vorschlag von Daniel Cohn-Bendit: „Merkel, Barosso und wer sich sonst noch für wichtig hält, fahren auf die Akropolis und sagen: “Wir wollen das zurückzahlen, was Griechenland einst der Zivilisation geschenkt hat.“ Das könnte unser Erbsenzählerpanorama etwas erweitern und selbst wenn man dem nicht zustimmt, ist es doch mal ein lohnenswerter Ausflug, der uns daran erinnern könnte, dass Europa mehr ist als die Summe seiner Euros.

 

Neben den naheliegenden Danksagungen an die Kulturleistungen unserer europäischen Nachbarn, fallen mir noch einige eher unübliche ein. Mein persönlicher Dank gilt etlichen türkischen Gemüsehändlern, die beim Wechselgeld rausgeben niemals kleinlich sind; der italienischen Familie in Pistoia, die mich und einen anderen „mittellosen Tramper“ 1983 für eine ganze Woche königlich beherbergt haben und Jeanne, der französischen Austauschschülerin für unbezahlbar schöne Erinnerungen. Dann wären da noch Stanley Xavier Stone, der mir in meiner ersten Frankfurter Studentenbude kostenlos Zeichenunterricht gegeben hat, Jerzy Sandberg, der nicht nur den Gratis-Wein auf meinen Vernissagen gut fand, und Ian mit seinem köstlich britischen Humor. Also, sollen wir unsere griechischen Nachbarn einfach pleite gehen lassen? Nö! (21.06.2011)

 

Konni Fuzius spricht

 

"Jedes Wort hat einen Körper."

In Gedenken an Ernst Zedler

 

Launen-Haft

Mein letzter Blogeintrag ist schon eine Weile her und das hat Gründe - triftige Gründe. Ich war mies gelaunt - aber richtig! Es gibt ja die unterschiedlichsten Verschwörungstheorien und Weltuntergangsszenarien, zelebriert von eher zweifelhaften Zeitgenossen. Bei dem Komplott gegen mich ist das allerdings ganz anders. Ich habe nämlich handfeste Beweise. Die exakt aufeinander aufbauenden Attacken und Störfeuer wurden in den dunklen Camps nahe der Achse des Bösen erdacht, um mich zu brechen. Vier volle Tage war ich Gefangener von dem, dessen Name ich nicht kenne. Ich hatte keine Wut. Nein, die Wut hatte mich. Die tiefere Bedeutung des Begriffs „Spirale der Gewalt“ hat sich mir in diesen Tagen erstmals erschlossen. Die Jobs liefen schräg oder gar nicht, in meiner Mailbox ausschliesslich Viagra- und Phialis-Angebote, gekrönt von 4 Stunden Internet- und plötzlichem Haarausfall, engagiert begleitet von ständigem Nasenjucken, schwitzenden Kniekehlen und tränenden Augen. Ich lasse mir das als die Entdeckung des männlichen Klimakteriums patentieren. Und nur wer eine Lizenz erwirbt, darf das auch mal erleben. Wieso ist der Milchkaffee kalt, warum stinkt der Biomüll so und muss es denn jeden Abend dunkel werden?

 

So Freunde, was ich jetzt auf gar keinen Fall hören will ist „Das kenn‘ ich!“ Ich erwarte diesmal echte Beileidsbekundungen oder eine Spende auf mein Konto bei der Fraspa (Kennwort „Schokolade für den Blogger“). Und fasst endlich diesen vermaledeiten Murphy und verbietet ein für alle Mal sein Gesetz! Vergesst es, hier kommt kein kluger oder versöhnender Abschlusssatz mehr, definitv nicht. Christoph, wenn Du das liest, ich will mein braunes Sacco zurück, dass ich Dir letztes Jahr geliehen habe und Gabi, ich bleibe dabei: DU hast die schmutzigen Töpfe damals im Ofen versteckt, weil ich am nächsten Tag Spüldienst hatte. 

 

Ach ja, eines noch: Ich bin zurück! (17.06.2011)

 

Es brennt

Heute ist Pfingsten, der Tag an dem den Jüngern Jesus der Heilige Geist erschien. Die nahmen das als Missionsauftrag von ganz oben, das Evangelium zu verbreiten - mit glühender Hingabe. Mächtige Begriffe, große Schritte, unglaubliche Ergebnisse – wes Geistes Kinder wir sind, sehe ich in meiner Mailbox. Kaum ein Tag, an dem dort nicht irgendeine Heilsbotschaft erscheint und die rettende Hand samt Preisliste gleich mit. Die Hohepriester dieser schönen neuen Welt nennen sich Coaches, Trainer oder, manche eher bescheiden, einfach Berater. Wir wachsen über uns hinaus, denn wer will schon klein und unbedeutend sein. Das finde ich prinzipiell wunderbar, nur habe ich den Verdacht, dass alle ganz brennend und schnell großartig und reich sein wollen, aber dieses System blöderweise nur funktioniert, wenn es noch genügend gibt, die das eben nicht sind. Ohne Neider oder Fans, kein Genuss. Und so haben wir das DSDS-Syndrom: Irgendwann hat man mehr Stars als Zuschauer und die Großartigkeit entpuppt sich als ein lächerliches Aufplustern des narzisstischen Egos. 

 

Auf Augenhöhe mit den anderen zu sein ist nichts für eine Gesellschaft, deren Hauptquelle für Zufriedenheit der oberflächliche oder materielle Erfolg ist. Wir könnten es eigentlich besser haben, aber wir überlassen eher archaischen Mustern die Herrschaft über unser Glück. Einerseits wird unser Verhalten von drei ganz einfachen limbischen Urprogrammen gesteuert, nämlich dem Bedürfnis nach Balance, Dominanz oder Stimulanz und andererseits machen wir unser Leben immer komplexer. Die Komplexität ist ein Meister aus Deutschland: Zwei Drittel aller Gesetze und Vorschriften weltweit, die sich mit Steuern beschäftigen, stammen aus der Feder eines deutschen Gesetzeshüters. Und selbst wenn mein Hund Lucky sein Geschäft auf der Wiese macht, kann ich sicher sein,  dass alles gut „geregelt“ ist. Im entsprechenden Gesetzestext heisst es „ … er [der Kot] wird nicht durch Verbinden oder Vermischen untrennbarer Bestandteil des Wiesengrundstückes. Der Besitzer des Grundstückes erwirbt dadurch kein Eigentum an diesem Hundekot.“ Manchmal kreieren wir schon recht verwirrende Dinge und unser Geisteszustand ist nicht so großartig, wie wir ihn gerne hätten. Ich glaube trotzdem an uns! Wir üben ja noch, und das ist möglicherweise unser Pfingstauftrag. Ein herzliches „Dankeschön“ geht an Thomas M., der mich unwissentlich zu diesem Text angestiftet hat. (12.06.2011)

 

Brief an mein 16-jähriges Ich

Du warst mal meine Zukunft! Ich habe gar keine Fotos mehr von Dir, aber jede Menge Bilder im Kopf. Einige sind etwas verblasst, manche so frisch, als wäre es erst gestern gewesen und einige möchte ich lieber ganz vergessen. 1979 war alles noch ein wenig unproportioniert an Dir (die Nase zu groß, das Gesicht zu lang und die Gesten trotzig-rotzig). Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Mofa, dafür viel Sport und großartigen Sex ... nur mit Dir. Gefährlich war diese Zeit: Atomkraft, Pershing II und Dein eigener Testosteronspiegel. Nicht souverän zu sein war ein grässliches Gefühl und ein demütigendes, wenn man „süß“ genannt wurde. Wenn ich all die Mädchen anrufen würde, für die Du nur heimlich geglüht hast, weil das cooler war, hätte ich heute jede Menge Dates. Nein, souverän warst Du wirklich nicht, zum Glück! Und ... heute mag ich Dich. Ach ja, und sei nicht mehr sauer, dass Du nie eine Wrangler-Jeans bekommen hast, die trägt heute eh kein Schwanz mehr. Danke, dass Du für mich da durch gegangen bist. (08.06.2011)

 

Konni Fuzius spricht

 

"Können kommt von Kennen."

Mensch 11.0

Ich bin entsetzt. Heute habe ich erfahren, dass es das Web 2.0 gar nicht gibt. Dieser Begriff ist ein Kunstwort, das in Abgrenzung zu den eher statischen Webinhalten der 90er Jahre, die nächste interaktive Generation beschreiben sollte. Es ist nicht mal klar, wer das Wort erfunden hat. Nein, es waren nicht die Schweizer, obwohl die mit einer klugen Definition protzen. Sie definieren 2.0 als „Komplex aus sozialen Nutzungsmustern und modernen Online-Technologien“. Das ist mir doch egal, für mich platzt hier gerade die zweite große Internetblase! Ich habe mich verbindlich eingerichtet im Web 2.0.: Schon lange frage ich die Leute nicht mehr, was sie so machen, ich google sie einfach, denn das Netz lügt nicht. Einer von den vielen Einträgen wird mir schon sagen, was ich suche. Wie es meinen Töchtern geht, kann ich in Facebook lesen und wenn mal was schief läuft, einfach „alt + Backspace“ drücken. Ich bin immer noch wie gelähmt, aber ich habe trotzdem versucht, meine Gefühle mal in Worte zu fassen:

 

Virtuell, nicht virtuos

Web 2.0 tat nur groß.

Zalando und Viagra,

Otto, Lust und Leidenschaft,

im Liebesnest in Einzelhaft.

 

Lieferung direkt nach Haus

mit einer GRATIS Super-Maus.

In 20 Farben, aufblasbar,

Manitou, Lakritz und Schuh

das Internet gibt niemals Ruh.

 

Reisen, zocken, poppen.

2.0 hieß: ewig shoppen.

Erleuchtung und Erlösung,

das waren Deine News.

Endlos surfen, ohne Blues.

 

Hab‘ heut von Dir gelesen,

Du wärst nicht echt gewesen.

Wo soll ich denn jetzt hin?

War doch gut eingestellt

auf Deine schöne neue Welt.

 

(04.06.2011)

 

 

Mehr oder weniger moralisch

Der weltweit viertgrößte Computerhersteller Lenovo aus China will Medion übernehmen. Medion kennt man als Unterhaltungselektronik-Lieferanten des Discounters Aldi. Im Wesentlichen ist der Einkauf von Fertigungsgeschick und Ingenieurserfahrung und die Erhöhung von Exportchancen das Ziel. „Das ist kein Grund zur Panik“ meinen Sinologen und Wirtschaftsexperten. Ich habe keine Panik, weil ich keine Ahnung habe. Manchmal hat man ja Panik, weil man keine Ahnung hat. Ich sehe das heute mal entspannt: Für China geht es um die Sicherung strategischer Resourcen und für mich um ein Thema für meinen Blog. Die Chinesen sind in Shopping-Laune und ich habe Schreiblust. Was soll schon sein? Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Wirtschaft ein kaum noch zu entwirrendes Geflecht aus geschönten Zahlen und feindlichen Übernahmen global agierender Großkonzerne ist. Wem „gehören“ eigentlich die 28 Mio. Euro die Medion 2010 verdient hat oder die 231 Mio. Euro die Lenovo für 36,7 Prozent des Grundkapitals eines deutschen Elektronikriesens hinblättern wird. Juristisch den Anteilseignern, klare Sache. Und moralisch?

 

Die Frage nach gerechter Verteilung wird kaum noch gestellt, weil wir uns auch daran gewöhnt haben, dass wir nicht mehr durchblicken. Die Einhaltung von Menschenrechten wird Teil von Verhandlungsstrategien und, wie im Schach, gibt es gelegentlich Bauernopfer. 1.500 Mio Menschen haben weltweit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und in den zivilisierten Staaten bahnen sich die Mangelerscheinungen ihren Weg in Form von Burnouts und Depressionen. Eigentlich stehen wir nicht wirklich gut da. Werde ich das ändern, indem ich hier darüber schreibe? Nein, aber alle Gedanken, Worte und Taten die zum Ausdruck bringen, dass nicht zwingend gut ist was normal ist, sind eine sinnvolle Erinnerung. Wir sind fühlende und denkende Wesen - nicht mehr und nicht weniger. (01.06.2011)

 

Den Mutigen gehört die Angst

Die Erde ist keine Scheibe! Galileo Galilei errechnete Anfang des 17. Jahrhunderts, dass sie gar keine Scheibe sein kann. Es geht das Gerücht, dass er als Abbitte für seine ketzerische Aussage, die Erde sei eine Kugel, die Pizza erfinden musste. Davon zehren die Italiener heute noch und jedes Schulkind weiss, das die Erde kein Fladenbrot ist. Zu seiner Zeit aber hatte Galilei mächtig Stress mit den Mächtigen und bekam deswegen für neun lange Jahre (1633 - 1642) Hausarrest. Das drückte sicher ziemlich auf die Stimmung. Ich kriege ja schon die Krise wenn mein Lieblingskäse mal vergriffen oder mein Konto überzogen ist. Wie auch immer, der Galileo, der hatte wirklich Eier in der Hose und keine gepressten Scheiben. Dass er Angst um sein Leben und seine Zukunft hatte, ist nicht ausführlich überliefert, kann ich mir aber gut vorstellen. Über die Pioniere steht in den Geschichtsbüchern ohnehin oft nur die heldenhafte Tat oder das bahnbrechende Ergebnis. Oder hat man schon mal so etwas gelesen wie „Ihm wurde in diesem Moment bewusst, dass diese Erkenntnis alles revolutionieren würde, und bei diesem Gedanken hätte er sich fast in die Hosen gemacht vor Angst.“ Wir mögen die Angst nicht, weil sie uns zeigt, das etwas nicht stimmt oder eine Veränderung ansteht. Das ist kein komfortabler Zustand. Zum Angst haben gehört Mut und zum mutig sein gehört Angst, denn neue Dinge entstehen selten im sicheren Radius des alten Denkens.

 

Im Moment werden ja auf allen Kanälen die Begriffe „Mut“ und „Innovationsgeist“ penetriert, aber wirklich was riskieren tun wir doch eher selten. Man muss ja nicht provozieren ins Gefängnis zu kommen, aber dass z. B. die meisten Autos die Kopie des gerade erfolgreichsten Modells sind oder die Internetseiten von 80% aller Werbeagenturen, mit den gleichen Worthülsen, nichts sagen, finde ich etwas feige. Vielleicht sollten wir uns ab und an mal von Leuten wie Galileo Galilei eine Scheibe abschneiden und uns etwas inspirieren lassen – zu unbequemen Ansichten. (28.05.2011)

 

Gewinner

Alle wollen gewinnen! Dauernd und dauerhaft! Wenn man in Google „Mehr Umsatz“ eingibt, werden 11.100.000 Seiten angezeigt, „Mehr Freude“ steht dagegen mit nur 1.830.000 etwas schmalbrüstig da. Strassen und Schulen sind mit durchschnittlich 13.700.000 etwas präsenter, und ganz weit oben, die Liebe mit 77.900.000 Treffern, allerdings inklusive der brünftig motivierten Einträge. Sicher, das sind keine validen Ergebnisse, da man ja nur recht grob definierte Quantitäten abfragt. Bei „Mehr Monarchie“ z. B. finden sich auch die Einträge wie „Mehr als 40 Festnahmen bei der Prinzenhochzeit“. Aber vielleicht zeigen uns solche Zahlen eine Tendenz, welche Themen es sich in unseren Köpfen gemütlich machen.

 

Große Zahlen beeindrucken uns. Gestern z. B. wurde in Rosbach das weltweit größte Schnitzel (550 kg Fleisch am Stück) an 1.000 Menschen verfüttert. Wie würde wohl Jesus „Speisung der Fünftausend in der Wüste“ heute vermarktet. Die Ketten „Nordsee“ und „Heberer“ übernehmen das Hauptsponsoring, SAT 1 produziert eine Kochshow mit dem Titel: „Leerer Kühlschrank, voller Magen - wunderbar!“ und von links oben stürzt ein Bungeespringer über den Bildschirm, einen Banner hinter sich herziehend, auf dem der wieder auferstandene Slogan „Lotto - es trifft mehr als man denkt! zu lesen ist. An Wunder glauben wir im multimedialen Zeitalter schon lange nicht mehr, denn jedes Bild und jede Kameraeinstellung kann beliebig retuschiert und verfälscht werden. Wir wissen, dass wir manipuliert werden und akzeptieren das meist, solange man uns serviert, was wir hören und sehen wollen. Was kann in diesem Kontext eigentlich noch „Wahrheit“ genannt werden? Da hilft uns das „Leben nach Zahlen“ denn Zahlen schaffen Sicherheit. Wir sind also statistisch gesehen, glücklich, unzufrieden, markenbewusst, sind einer von 6,3 Millionen Diabethikern oder leider nur der Zweite unter 2.000 Bewerbern auf eine neue Stelle. Was oft weniger Beachtung findet, sind die Menschen hinter den Zahlen. Der Fukushima-Betreiber legte für das Geschäftsjahr 2010/2011 eine Minus-Bilanz von 10,7 Mrd. Euro vor. Und weil die Mitarbeiter von TEPCO für mehrere Generationen ohnehin eine strahlende Zukunft erwarten können, wurden erstmal alle Gehälter gekürzt. So ist auch gesichert, dass nicht aus Versehen einer der Hauptverantwortlichen ungeschoren davonkommt. Wie gesagt, Zahlen schaffen Sicherheit. Eben sehe ich in Facebook, dass Dennis Bugholzstühle in 24 verschiedenen Farben entdeckt hat und dringend eine neue Wohnung sucht, um sie mit Möbeln vollzustellen. Er hat verstanden, worum es geht. (22.05.2011)

 

Konni Fuzius spricht

"Wir denken, dass wir sind was wir denken. Was

aber, wenn wir lediglich nur denken, dass wir sind?

Kann es dann überhaupt einen geben, der denkt?"

 

Das verstehe ich nicht

Heute morgen um 8.53 Uhr hatte ich eine Begegnung der dritten Art auf dem Parkplatz in Höhe der „Pizzeria Adria“. Dort stand der VW Caravelle eines Beerdigungsinstituts, und auf den Schiebetüren war in silberner Schrift zu lesen: „In Not und Trost“. Nicht mal eben so hingeschrieben, sondern ausgeplottet und aufgeklebt, für alle Ewigkeit. Wie bitte? Diese Formulierung ist so falsch, dass sogar mein Hund Lucky hätte aufjaulen müssen. Dieses Unternehmen leistet wirklich ganze Arbeit und beerdigt die deutsche Sprache gleich mit – unwissentlich und deshalb auch kostenlos. Sicher wäre hier die etwas abgedroschene aber verständlichere Variante „Wir erledigen alle Formalitäten für Sie“ besser gewesen. Irgendwie ist das symptomatisch für ein Deutschland, das sich leer quatscht - ohne vorher nachzudenken. Wir haben ja eine Flatrate, das kostet nix und tut keinem weh. Doch, mir tut das weh! Es geht nicht darum, hämisch auf einen Fehler zu zeigen oder jedes Komma richtig zu setzen. Vielmehr geht es darum, dass wir etwas schlampig und faul sind, in dem was wir verbreiten, aber auch darin wie wir lesen und zuhören. Zugegeben, die Welt wimmelt von Botschaften und alle kommen sie wichtig daher: „Nicht verpassen! “, „Seien Sie dabei!“, „Das gabs noch nie!“ oder “Schlagen sie jetzt zu!“ Ja, das würde ich gerne manchmal, z. B. auf den Hinterkopf der Kollegen, die den ganzen Mist verzapfen und auf den Tisch derer, die sich das tagtäglich gefallen lassen, nämlich wir alle. Es ist wunderbar, dass es so viele schöne Produkte zu kaufen gibt, aber wenn das „haben wollen“ zu einem Reflex wird wie das Gähnen, wünsche ich mir sehnlichst, gelegentlich zu hören oder zu sagen: „Nein Danke, ich kaufe heute nicht, esse die Reste von gestern, ziehe die alte Jogginghose an und dann schreibe ich mal ein Gedicht für meine Freundin.“ War das jetzt pietätlos? Unbedingt, denn es gibt keinen Grund für Ehrfurcht und Respekt vor falschen Botschaften. (25.05.2011)

 

Eine haarige Angelegenheit

Heute schreibe ich mal über Frauen, Haarprobleme und Hannah. Schöne Haare werden bestimmt durch Farbe, Geruch, Seidigkeit, Glanz oder die Art wie sie fliegen und sich wieder legen, wenn frau den Kopf gekonnt lasziv zur Seite legt oder gewollt wild nach hinten wirft. Die Haare sind Ausdruck des aktuellen Lebensgefühls, einer unverwechselbaren Individualität, symbolisieren das Göttliche im Weiblichen und signalisieren Paarungsbereitschaft oder aber genau das Gegenteil. Manchmal entscheiden nur Nuancen darüber, ob eine Frau Stil hat oder einen eher gewöhnlichen Geschmack. Spliss, Sprödigkeit, Speckfinger und spanische Lover sind die natürlichen Feinde der weiblichen Haarpracht, denen jeden Tag aufs Neue die Stirn geboten werden muss. Eigentlich sollte jede Frau hinter Glas ins Museum, sobald der Zustand einer nicht mehr zu steigernden Vollendung als Gesamtkunstwerk erreicht wurde.

 

Sie finden das klingt übertrieben? Dann hätten Sie mal Hannah, die älteste und für kurze Zeit blondeste meiner drei Mädels, erleben sollen, als sie sich letzte Woche spontan entschied, Ihre Haarfarbe und damit Ihr Leben zu ändern. „Mission Blondable“ war bis ins kleinste Detail geplant und auch das Facebook-Orakel hatte eine deutlich wohlwollende Empfehlung ausgesprochen: „Do it!“ Gesagt, getan, aber ... das Ergebnis war nicht das Erwünschte. Wie das passieren konnte, ist bisher ungeklärt, die Beweisaufnahme noch nicht abgeschlossen, die verantwortliche Friseurin sitzt in Untersuchungshaft und konnte bis dato noch nicht vernommen werden, da sie offensichtlich selbst noch unter Schock steht. Unsere ehemals lebenslustige Lehramtsstudentin mutierte zum zwangsblondierten Zombie, in einem sich endlos wiederholendem apathischen Singsang aus „Hässlich, ich bin hässlich“ und „Warum ich, warum?“ ertrinkend. Zwei Tage und unzählige "Sag, dass ich hässlich bin! Sag es!" später war das Problem mit einer Nachtönungs-OP so weit abgemildert, dass sie wieder feste Nahrung zu sich nehmen konnte. Das Schlimmste ist überstanden und ich wünsche mir, dass sie irgendwann wieder lachen kann wie früher. Und dann werde ich ihr sagen: "Tu das nie, nie wieder!" (23.05.2011)

 

Unter Freunden

Aktuell habe ich 127 Freunde, äähh ... Freundinnen ... in Facebook. Zum Glück müssen wir uns aber nicht alle Petra oder Brigitte nennen, denn die Frau im Spiegel möchte ja ihr Gesicht wahren. Erst im Plural oder in den Suchfunktionen sind wir dann Freunde und nicht Freundinnen.

 

Oft definieren wir Freundschaft als ein Warming Up, das uns vom "Mögen", durch eine Wüste von Widrigkeiten, schliesslich in die Sphären der Liebe führt. In diesem Konzept ist Freundschaft so eine Art Anheizer, bevor der Star auf die Bühne kommt. Das ist aber nicht alles. Da mein tägliches Brot die Werbung ist, formuliere ich mal den Slogan „Freundschaft kann mehr!“. Freundschaft ist gelebte Entwicklungshilfe, nicht unbedingt mit dem Ziel, immer zu gefallen. Mir gefällt das Zitat eines Zenmeisters das sinngemäß sagt: „Wechsle alle 7 Jahre Deinen Wohnort, damit Deine Freunde Dich nicht daran hindern, dass zu sein, was Du geworden bist.“ Denn bei aller Liebe - Freunde hindern uns manchmal daran weiterzugehen, weil man sich ja ganz gut eingerichtet hat miteinander. Kann man Freundschaft lernen? Wäre doch schön, wenn es ein Abzeichen gäbe, wie das "Seepferdchen" beim Schwimmen. Damit könnte man zeigen, wo man steht im Studienfach „Freundschaft“ und seine Kontaktanzeigen etwas tunen: „Semidevoter BWL-Student, FS Kl. 3, Inhaber des großen Kuschelbärchens, sucht strenge Pädagogin zwecks gemeinsamer Orientierungs- und Suchspiele.“ Analog zum "Seepferdchen" wäre dann der „Rettungsschwimmer“ in Sachen Freundschaft und Liebe der „Therapeut“.

 

Wir Deutschen lieben ja Abzeichen und Zertifizierungen. Wenn es nach uns ginge, gäbe es längst flächendeckend die ISO 69, und jedem Brautpaar würde auf dem Standesamt, zusammen mit der Heiratsurkunde, ein 400-seitiges Qualitätssicherungs-Handbuch überreicht. Ich habe von Plänen gehört, dass im Zuge der Globalisierung Freundschaft im Jahre 2013 umbenannt werden soll in CKC (Corporate Kindness Competence). Ein Markt mit ungeahnten Möglichkeiten. Und zum guten Schluss noch meine Antwort auf die oft gestellte Frage: „ Können Männer und Frauen einfach nur Freunde sein?“ Klar, vielleicht kommen sich manche sogar näher, wenn sie „nur“ befreundet sind und nicht in einer Beziehung, mit all den Wünschen und Projektionen, was der andere für einen sein und erfüllen soll. (20.05.2011)

Konni Fuzius spricht

"Die eigene Nase

ist uns immer näher

als der Schwanz."

Alter!

Ich bin 48 und ... Nein! ... ich fühle mich nicht jünger und nicht älter. Ich fühle mich überhaupt nicht wie irgendeine Jahreszahl, eher wie ein guter Whisky oder Wein der mit den Jahren besser wird, wenn man ihn nicht zu lange liegen lässt. Manchmal fühle ich mich etwas abgenutzt, wie mein alter Bademantel, (der ist tatsächlich noch aus dem letzten Jahrhundert - kann mich irgendwie nicht von ihm trennen) und manchmal bin ich einfach nur unbe- schreiblich. Ich bin also kein bestimmter Typ. Ich bin viele, wie wir alle. Im Mittelalter gäbe es mich statistisch schon gar nicht mehr, denn da lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer bei 32 Jahren, die der Frauen bei 25 Jahren. Dank Erfindung von Frauenzeitschriften und königlichen Hochzeiten bringen sie es heute auf 78,95 Lebensjahre. Der Grönlandwal z. B. wird im Schnitt 211 Jahre alt, die langlebige Kiefer 4.950 Jahre und absoluter Spitzenreiter ist die Scolymastra joubini. Mit 10.000 Jahren können diese Riesenschwämme ganz entspannt etliche Male durchs Abi fallen: „Schwamm drüber, wir haben doch Zeit!“ Wie ich reagieren werde, wenn sich erste Anzeichen von Demenz zeigen, weiss ich nicht. Ich hoffe, dass ich bis dahin gelernt habe, das Alter anzunehmen, mit welchen Begleiterscheinungen auch immer, und mir der Segen einer guten spirituellen, menschlichen und medizinischen Begleitung zuteil wird. Und das wünsche ich nicht nur mir, sondern jedem Menschen auf diesem Erdball. (16.05. 2011)

Geschieht uns recht

Hatte neulich einen Streit um ... ja was eigentlich? Ich weiss es gar nicht mehr so genau. Komischerweise hält der Nachgeschmack des nicht befriedigenden Verlaufs dieser Auseinandersetzung länger an, als die Bedeutung der Sache selbst. Sind wir eigentlich hier, um etwas zu lernen oder um Recht zu haben? 97% der Juristen und 105% der Männer wie George Bush präferieren die zweite Variante. Habe übrigens noch keinen Juristen kennengelernt, der seinen eigenen Berufsstand nicht irgendwie suspekt fand und das Studium totlangweilig. Aber vielleicht kenne ich ja auch nur die frustrierten Juristen und die zufriedenen sitzen irgendwo in Deggendorf, genießen Ihre gewonnenen Prozesse im Swimmingpool, zünden sich mit 100-Euro-Scheinen eine Zigarre an und grunzen entspannt „So ist es recht!“. Wie befriedigend ist es eigentlich, Recht zu haben? In einer der Allensbacher Allerweltsumfragen von 2010 wurde die Frage gestellt „Würden Sie ein Gerichtsverfahren möglichst vermeiden und nachgeben, obwohl Sie sich im Recht fühlen, oder würden Sie es auf einen Gerichtsprozess ankommen lassen, um ihr Recht durchzusetzen?“ 50% würden versuchen einen Prozess zu vermeiden. Feigheit vor dem Feind oder Zeichen einer kultivierten Gelassenheit? Ich solidarisiere mich mal mit den 20% der Befragten die meinten, "es kommt darauf an“. Die haben ganz sicher Recht. (15.05.2011)

Konni Fuzius spricht

 "Geburtstagsfeten und Beerdigungen

haben einiges gemeinsam. Plötzlich

ist es einfach vorbei."

 

Skandal um Lena

Darf man eine Meinung zu Dingen haben, von denen man keine Ahnung hat, z. B. Europapolitik, Kernphysik oder den Eurovision Song Contest? Ich stimme eindeutig mit "Ja!". Ich glaube auch, das ist der übliche Dienstweg der Meinungsbildung: aus der Hüfte geschossen oder aus dem Bauch heraus, gefüttert von einem über Jahre angesam- melten Schatz an Erfahrungen, Urteilen, Sympathien und Antipathien. Das ist eigentlich auch nicht problematisch, weil wir halt so sind. Die Gedanken sind frei, solange man weiss, dass es nur Gedanken sind und keine Naturgesetze. Also, jetzt mal Butter bei die Fische: Ich finde den Eurovision Song Contest doof und dass Stefan Raab sein Amt als Bundeskanzler missbraucht hat, als er im Alleingang entschied dass Lena wieder ran muss. Das ist ein Skandal! (14.05.2011)

Das Spiel ist aus!

23, 20 ,17, aus! Nun ist die jüngste meiner drei Mädels

17 Jahre alt und ich der häuslichen Pflege wieder ein Stück näher. Habe mich doch nur kurz gebückt, um den kleinen Stinker im Windeleimer zu entsorgen und als ich wieder aufstehe, höre ich kein niedliches Babygebrabbel mehr, sondern die sich hysterisch überschlagende Stimme eines Opfers meiner Willkürherrschaft, das es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, meinem Terror zu trotzen: "Das ist so ungerecht! Alle anderen dürfen auch bis 2.00 Uhr wegbleiben, nur ich wieder nicht" Hauptberuflich bin ich nun schon eine ganze Weile peinlich und im Nebenjob unstylisch. Wenn meine Tochter mit ihrer Diagnose richtig liegt, bin ich unheilbar alt. Nie wieder Playmobil und Tigerentengeschichten. Na ja, wenigstens bekomme ich jetzt keine schrecklichen, von Kindergärtnerinnen angestiftete Vatertagsgeschenke mehr. Also, alles Gute, meine Süße! (13.05.2011)

Konni Fuzius spricht

"Wer das Lob der anderen braucht,

um sich wertvoll zu fühlen, verschenkt

seinen größten Schatz: die Freiheit."

 

Ich bin in einer kritischen Phase

Das ist keine ödipale, regressive oder blaue Phase, sondern einfach nur eine kritische Phase. "Wie, Du hast jetzt schon Deine Tage nach nur einer Woche bloggen?" lautet die selbstgestellte Frage. Und die selbstgegebene Antwort: "Ja, ist das nicht wunderbar?" Kritische Phase, weil ein Blog auch immer die Gefahr birgt, seine Leser unbedingt unterhalten und sich selbst toppen zu wollen und dabei aus den Augen zu verlieren, dass man ja eigentlich "nur" über das schreiben wollte, was einen gerade bewegt. Das ist halt nicht immer aufregend oder gefällig. In einem Interview mit einem großen Star wurde dessen Freundin gefragt, ob das nicht total aufregend sei, mit diesem tollen Mann zusammen zu sein. "Waschen Sie mal die Socken von diesem Supertyp, dann reden wir weiter!" war die erfrischende Antwort. Also, liebe Leser, ich werde an dieser Stelle nicht die Wäsche anderer Leute waschen und auch nicht immer unterhaltsam sein. Versprochen! (11.05.2011)

Konni Fuzius spricht

"Ach, es bleibt dabei: Ich habe noch keine Frau gesehen, der das Auto wichtiger gewesen wäre als der Mann.”

Unverschämtheit

Habe heute ein Einschreiben bekommen mit unangenehmen Inhalt. Zahlen Sie sofort, sonst ... Wer Geld von mir fordert und warum verrate ich nicht, so weit geht meine Offenheit dann doch nicht. Es ist aber nicht so schlimm, dass ich meinen nächsten Blogeintrag aus Block B der JVA Butzbach schreiben werde, Interessant und (be)schreibenswert finde ich meine erste Reaktion. Ich wusste nicht von wem und aus welchem Grund mir die Ehre der persönlichen Zustellung durch meinen Briefträger zuteil wurde, aber ich fühlte mich sofort schuldig - im Affekt sozusagen. Und dann war mir irgendwie schlecht. Auf dem Rückschein, den ich unterschreiben durfte stand dann auch noch deutlich deutsch: "Auslieferungsvermerk". Dabei gibt es gar keinen Grund sich schuldig zu fühlen. Verantwortlich ja, damit kann man leben, bleibt handlungsfähig und kann Dinge korrigieren. Schuldgefühle aber lähmen. Das ging so weit, dass ich gar keine Lust hatte, diesen Eintrag zu schreiben und angestrengt nach einem neutralen Thema suchte. Irgendwie lächerlich. Deshalb habe ich jetzt einfach anders entschieden und den "unverschämten" Weg gewählt. (12.05.2011)

Konni Fuzius spricht

 „Der Mensch hat dreierlei Wege Geld zu sparen: durch Schlaf ist der einfachste, durch Diebstahl ist der dümmste, durch Schnorren ist der schlimmste.“

 

Ist das jetzt ein Rüde oder ein Hund?

Frauen mögen Männer die Hunde haben. Das macht den Mann so ... menschlich. In Kennerkreisen nennt man den Hund auch die „Kontaktmaschine“. Man kommt ins Gespräch, ob man will oder nicht. Was einem normaler-weise als Thema zu banal erscheint, wird in der Gegenwart eines Vierbeiners zu einem interessantem Plausch. Ich habe also einen Hund, einen Jack Russell Beagle-Mischling. Manche nennen ihn süss, manche nervig. Ich nenne ihn einfach Lucky. Sein Fell ist champagnerfarben (das trug die Queen zur Hochzeit von William und Kate - nicht das Fell, sondern ein Kleid in der gleichen Farbe) mit Flecken in Sahne-Karamell (nicht die Queen, sondern das Fell von Lucky). EIn bisschen dick ist er geworden diesen Winter, wie das Herrchen auch. Aber damit ist jetzt endgültig Schluss! Wir hören einfach nicht mehr hin, wenn die Leute im Park hinter unserem Rücken tuscheln. Lucky ist das ohnehin egal. Von dem kann ich echt noch was lernen, zum Beispiel wie man Gleichgültigkeit dominant aussehen lässt statt depressiv. Das Geld bringe ich nach Hause, da haben wir die klassische Rollenverteilung. Ansonsten haben wir eine eher tolerante Beziehung. Wenn ich rufe „Kommst Du jetzt her oder nicht?“ dann kommt er ganz sicher her oder eben nicht. (11.5.2011)

Sex sells

Dann wollen wir doch mal etwas Durchblutung in die Bahnen dieses Blogs bringen. Und das geht nachweislich am besten mit ... SEX! Ob das wirklich stimmt? Sind ökologische Produkte sexy und wird Biomilch in den Marketingstrategien mittlerweile mit sexuellen Motiven aufgeladen, Herr Dr. Schaumberger? Wenn man den Ergebnissen der Gehirnforschung und des Neuromarketing glauben darf, sind wir in unseren Entscheidungen immer noch Sklaven unseres limbischen Systems und werden im Wesentlichen von den drei Grundmotiven Stimulanz, Dominanz und Balance gesteuert. D. h. der Mensch bleibt ein Tier, handelt meist triebgesteuert und ist eigentlich nicht viel schlauer als ein Reptil. Mit dem Unterschied, dass ein Reptil keine Pornoseiten anklicken kann (und in Deutschland natürlich auch nicht anklicken darf). Und das tun wir fleissig! 43% aller Internetnutzer (Frauen 33 %) suchen nach Pornos in Google. Weltweit macht die Pornoindustrie einen Jahresumsatz von 97 Mrd. Dollar. Jetzt hör ich schon die Ausreden: „Ich war nicht auf Pornhub, der Gecko war‘s! Na, der kann was erleben!“ Ist aber auch egal, denn für mich sollte Sexualität trotz Omnipräsenz in allen Medien und auf allen Ebenen vor allem eines bleiben: Intim und deshalb Privatsache! (10.5.2011)

Konni Fuzius spricht

„Mach Dir keine Sorgen darüber, dass Du keinen Sex hast, sondern freue Dich darüber dass der Sex Dich nicht hat.“

Zeit für einen Wechsel

Komme gerade von einem Termin und hatte aus gegebenem Anlass die Frage im Kopf „Gibt es intelligentes Leben auf der Erde?“ Komischerweise machen wir solche Überlegungen gewöhnlich in Richtung Mond, Mars oder Pluto, also außerhalb unseres Systems. Heisst das jetzt, dass wir den Ausserirdischen grundsätzlich mehr zutrauen als uns selbst, also so eine Art Bayern-Bonus? Wäre doch mal interessant zu erfahren, wo wir auf einer inter- galaktischen Skala zwischen „Netter Versuch“ und „Transzendenter Weisheit“ stehen würden. Allerdings würde mir das auch nicht helfen bei meinem Reifenwechsel, den ich immer noch nicht gemacht habe ... (9.5.2011)

Los geht's

Wenn es früher auf den Familienfeiern oder den Grillfeten mal wieder viel zu viel auf den Tellern gab, kam irgendwann aus irgendeiner Ecke die Stimme irgendeiner stöhnenden Tante: "Wer soll denn das alles essen?" Eigentlich ist die Antwort ganz einfach: "Keiner muss das essen!" Wer mehr zu sich nimmt als er essen oder lesen will ist in der Regel selbst schuld. Statt sich bedroht zu fühlen könnte man ja auch die Vielfalt und die Freiheit der Auswahl geniessen. Vielleicht sind es aber auch die alten Kindersätze wie "Mit Essen spielt man nicht!" oder "Iss Deinen Teller leer!" denen wir auf subtile Art immer noch gehorchen. In diesem Sinne: "Suchen Sie sich was aus. Ich hoffe es schmeckt Ihnen" (8.5.2011)